Gedanken und Intentionen zum neuen Ju-Jutsu Prüfungsprogramm
Joachim Thumfart

Die perfekte Selbstverteidigung...

...für alle gibt es nicht. Ich denke das ist die wichtigste Erkenntnis, die viele, die sich mit der Thematik beschäftigten, in den letzten Jahren gewonnen haben. Und wenn man 20 Danträger fragt, wie das Training einer realistische Selbstverteidigung denn aussieht hat man 40 verschiedene Antworten. Und das ist richtig so. Denn jeder hat sicher etwas Recht und etwas Unrecht. Verschiedene Erfahrungen und individuelle Unterschiede in Ausbildung, Körpermaßen, usw. müssen zu verschiedenen Ergebnissen führen. Genau hier liegt die Stärke unseres Systems. Ju-Jutsu ist schon immer ein Kompromiss aus den verschiedenen Systemen gewesen. Zur Gründerzeit aus Judo, Karate und Aikido und jetzt zusätzlich aus anderen Systemen, die wir erst in den letzten Jahren richtig kennen gelernt haben. Und um so mehr Wissen dazu gekommen ist um so mehr Einflüssen wurden berücksichtigt. Wir können mit dem Boxer ringen und den Judoka auf Distanz halten. Und das viel besser als viele wahr haben wollen. Dafür muss man aber auch immer mit einigen Grundlagen der möglichen Kontrahenten vertraut sein. Es soll sich dann jeder das herausziehen, was für ihn persönlich am geeigneten ist. Das stellt eine hohe Anforderung an den Trainer, denn er sollte unterrichten, was für seine Schüler optimal ist und nicht, was für ihn die richtige Lösung ist. 

Fangt an Ju-Jutsu zu lernen
und nicht eine Ansammlung von Ju-Jutsu Techniken zu trainieren.

Unser JJ ist mehr als eine Anzahl von Techniken, dass ist die wichtigste Botschaft, die im neuen Programm steckt. Die einzelne Technik und ihre perfekte Ausführung ist ein Aspekt zu praktikablen Anwendung. Das alles nützt aber nur in den seltensten Fällen was, wenn die Möglichkeit zum situativen Handeln fehlt. Diese Erkenntnis wurde hauptsächlich im Wettkampf gewonnen kann aber aus den verschiedensten Bereichen bestätigt werden.

Also ist neben der Technik die Umstellungsfähigkeit, das Timing und die Anpassung an die gegebene Situation notwendig. Diese Elemente sind im neuen Prüfungsprogramm erstmals enthalten und daher für viele ungewohnt und sicherlich nicht immer verständlich. Es hat auf den ersten Blick nichts mit SV zu tun, wenn man sich in der Prüfung zum 5. Kyu gegenseitig mit den Fingern auf den Bauch tippt. Es ist aber der erste Schritt zum Training des Zweikampfes – nicht nur Wettkampf ist gemeint. Die Fähigkeit sich zu verteidigen hat in erster Linie damit zu tun, ob man in der Lage ist sich im Zweikampf zu behaupten. Wer von uns möchte denn wirklich in eine Prügelei mit einem Bundesliga Handballer geraten?? Wer diesen Sport kennt kann sich die Folgen ausmalen. Auch wenn dieser Gegner keine Kampftechniken trainiert wissen die Meisten von uns, dass es eine schwer zu lösende Aufgabe wäre und man nicht damit rechnen kann diese Begegnung unbeschadet zu überstehen.

 

Für wen wurde das Programm gemacht?

Der Ju-Jutsuka ...

... lässt sich auch nicht einfach in eine Schublade stecken. Die Ju-Jutsuka setzen sich aus Menschen mit den unterschiedlichsten Zielen und Intentionen zusammen. Ich habe das mal versucht in eine Grafik  zu packen. 

Die drei wesentlichen Bereiche sind Wettkampf, Kampfkunst und die Selbstverteidigung. Mit Kampfkunst meine ich das Streben nach technischer Perfektion, ohne immer eine direkte Anwendbarkeit dahinter zu sehen. z.B. Kata, Schwerttechniken, Bo aber auch Doppelstock. Im Bereich der Sicherheitsorgane (Polizei, BGS, Zoll, Justiz, ...) wird eine angepasste Form der Selbstverteidigung praktiziert. Der Wettkampf ist der sportliche Vergleich bis hin zur internationalen Ebene, wobei das Duo System schon sehr in die Richtung der Kampfkunst tendiert.

Nicht vergessen sollten wir die große Anzahl an Menschen, die ein oder zwei mal in der Woche ins Training gehen, dort Freunde treffen sich Fit halten und es toll finden wenn das positive Effekte für ihre Sicherheit hat. In dem einen Verein machen sie auch Wettkampf, andere trainieren viel SV, ausgefeilte Kombinationen mögen die nächsten und wieder andere  kann man mit einem schweißtreibenden Aufwärmtraining am glücklichsten machen. Wer von all diesen macht jetzt das wahre Ju-Jutsu. Alleine zu behaupten, dass man selber hier den richtigen Weg für alle kennt wiederspricht schon den Budo Prinzipien im ständigen Streben besser zu werden und lebenslang dazuzulernen.

Ich glaube auch, dass sich diese verschiedenen Bereiche befruchten und das der wirkliche Reichtum und die echte Stärke vom Ju-Jutsu ist. Und mir macht es sehr viel Spaß zwischen den verschiedenen Ebenen zu wechseln und sie zu vermischen. Man muss es nur mal ausprobieren.

Also ist das neue Programm ein großer Kompromiss, in dem wir versucht haben alle diese Elemente in der Form  zu berücksichtigen, dass sie sich ergänzen und befruchten. Auch dieses Programm ist nicht perfekt und wir werden weiter lernen und mit bedacht weiter daran arbeiten. Ich und viele die sich auf dieses Programm unvoreingenommen eingelassen haben halten es für einen guten Kompromiss. Ju-Jutsu war seit seiner Gründung ein Kompromiss und ich denke ein verdammt Guter, weshalb unsere Systematik jetzt auch von vielen nachgeahmt wird.